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WELCOME TO NEW YORK

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Bei den Filmfestspielen von Cannes im offiziellen Wettbewerb ignoriert, von den porträtierten Dominique Strauss-Kahn und Anne Sinclair mit Klagedrohungen überzogen: “Welcome to New York” war und ist ein kontroverses Stück Film. Abel Ferraras semi-fiktionale Aufarbeitung der „Affäre DSK“ wurde von Eurovideo auf DVD und Blu-ray veröffentlicht.

welcome to new york filmkritik

“Welcome to New York” hat bewiesen, dass es ihn auch in den konsensbetäubten 2010er Jahren immer noch gibt: den Skandalfilm – und er hat zugleich demonstriert, dass das Label über mediale Kunstrezeption mehr aussagt als über den betroffenen Film selbst. Kultregisseur Abel Ferrara nimmt nämlich die Dominique-Strauss-Kahn-Affäre als Basis für einen sehr introspektiven Film über menschliche Obsessionen und Zwänge, dem inhärent das Sensationalistische und Marktschreierische völlig fehlt – dass 120 Jahre nach Erfindung des Kinos manche erwachsene Zuschauer noch immer beim Anblick nackter Menschen auf einer Leinwand in Rage und Empörung geraten, dafür kann Ferrara nun wirklich nichts.

In zwei Stunden entfaltet der Film seine eigene, semi-fiktionalisierte Perspektive auf die „Affäre DSK“. In einem New Yorker Fünfsternehotel feiert Deveraux (Gérard Depardieu), Geschäftsführer einer großen internationalen Bank, ausgedehnte Sexorgien mit Luxusprostituierten. Eines morgens wird er gegenüber einem  Zimmermädchen sexuell übergriffig. Nach seiner Abreise wird wird der politisch wie körperlich mächtige Mann am Flughafen von der Polizei abgefangen – mangels Schuldgefühlen kommt dies für ihn völlig überraschend. Eine kleine Odyssee durch heruntergekommene Polizeirevier- und U-Haft-Zellen beginnt und endet, als ihn seine Ehefrau Simone (Jacqueline Bisset) für eine beachtliche Menge Geld auf Kaution rausholt. Im Hausarrest einer geräumigen Luxuswohnung wartet Deveraux dann auf das Urteil im Strafverfahren wegen sexueller Nötigung, während seine Ehe mit Simone langsam den Bach runtergeht.

Die Distanz durchbrechen

Distanziert, nüchtern und fast komplett ohne extradiegetische Musikuntermalung zeigt “Welcome to New York” die sexuellen Exzesse des Deveraux, seine Demontage im Laufe demütigender Haftprozeduren, seine aufreibenden Streitereien mit Simone. Die Kamera ist wie ein unbeteiligter Beobachter, der selbst noch in den hitzigsten Momenten einen kühlen Kopf bewahrt – die emotionale „Involvierung“ muss der Zuschauer schon selbst leisten, und dies ist nur eine von mehreren Parallelen zu „Bad Lieutenant“, Ferraras alptraumhafter Erzählung von den letzten Tagen eines suizidalen, korrupten Polizisten. Nur an zwei Stellen erlaubt sich die Inszenierung einen sehr effektvollen „Ausrutscher“, als Deveraux die vierte Wand durchbricht und dem Zuschauer direkt in die Augen blickt – das erste Mal in einer zornigen Anklage gegen herbei fantasierte Verschwörer, das zweite Mal schweigend, mit einem vielsagenden Blick voller Ratlosigkeit und Verzweiflung.

Ebenso, wie „Bad Lieutenant“ nicht nur Ferrara, sondern auch Harvey Keitel gehörte, ist “Welcome to New York” auch Gérard Depardieus Film: eine in jeglichem Sinne grandiose Casting-Entscheidung, die in einer Darstellung der Superlative mündete. Der Franzose (seit Kurzem auch russischer Staatsbürger) ist zunächst einmal eine pure körperliche Präsenz: Ein Hungerhaken war er ja niemals, aber hier wirft er sich mehr denn je mit seinem vollen Gewicht in die Rolle. Die extreme, geradezu animalische Körperlichkeit ist natürlich im ersten Viertel des Films mit seinen vielen Orgien und der Sexattacke auf das Zimmermädchen evident: Wie ein Tier schreit, stöhnt, schnauft, röchelt und grunzt er – ein beängstigender, fast jenseitiger Anblick.

Doch auch außerhalb der Triebabfuhr ist Depardieus Deveraux – so heißt interessanterweise auch Jean-Claude Van Dammes Mensch-Maschine in „Universal Soldier“ – ein furchteinflößendes Wesen. Grunzend und schnaufend, wie ein Raubtier auf Jagd, läuft er in den Haftzellen hektisch hin und her, ungeduldig darauf wartend, dass man ihn, den großen Bankier, wieder auf freien Fuß lässt: Seine Zellengenossen, offensichtlich selbstsichere und latent gewaltbereite Straßengang-Mitglieder, lassen den Ausländer im maßgeschneiderten Anzug lieber in Ruhe.

Ewige Trotzphase

Depardieu spielt aber nicht nur den klobigen Koloss Deveraux, sondern überzeugt auch als regressives Kind namens Deveraux. Seine Ehefrau Simone hat Recht, wenn sie ihn als kleines Kind bezeichnet, und damit die schlimmsten Eigenschaften meint, die ein ganz junger und noch nicht sozialisierter Mensch haben kann: störrisch, verantwortungslos, ohne Sinn für Anstand, vollkommen ich-bezogen, ohne Gefühl für die Konsequenzen seines Handelns. Extreme und sexuell gefräßige Körperlichkeit auf der einen, regressive Kindlichkeit auf der anderen Seite: Beide bedingen sich und machen Deveraux zum wandelnden Alptraum. Als ihm seine Tochter ihren neuen Freund in einem Luxusrestaurant vorstellt, fragt er die beiden nonchalant – nachdem er für sich selbst die einfache Bestellung „Fleisch!“ aufgegeben hat – nach ihrem Sexleben und lobt dann den kulinarischen Geschmack seines künftigen Schwiegersohns, indem er die Bouillabaisse lachend als „Swingerparty für Fische“ bezeichnet.

Auch wenn er Monstrositäten alltäglich und Alltäglichkeiten monströs erscheinen lässt, so ist Depardieus Deveraux kein Monster, sondern eine groteske, gleichwohl für ihre Umgebung extrem schädliche Witzfigur (wieder eine Parallele zur namenlosen Titelfigur von „Bad Lieutenant“): Wie einfach wäre es, sie der Lächerlichkeit preiszugeben! Doch Abel Ferrara entscheidet sich in “Welcome to New York” glücklicherweise wie so oft nicht für den einfachen und bequemen Weg, sondern schafft lieber eine seiner typischen, widersprüchlichen und komplexen Antihelden-Figuren: ein Menschen, der im Teufelskreis seines Milieus und seiner klassenbedingten Mentalität steckt. Ein Mensch, der schon jenseits von Gut und Böse ist, der es als internationaler Bankier als völlig selbstverständlich sieht, sich alles zu nehmen, was er haben möchte – und ohne Verständnis, bockig und ruppig reagiert, wenn er es nicht sofort kriegt. Das ist hier kein Anzeichen von Freiheit, sondern ein Symptom des Zwangs. Deveraux ist die Extremausprägung eines Menschentypen, den sein (ab)gehobenes Milieu erschaffen hat. Das Schmierige und Ausschweifende findet Ferrara nun nicht mehr in schummrigen und heruntergekommenen Stripclubs oder auf den Straßen der Armenviertel, sondern in den VIP-Suiten der Luxushotels. Aus ihnen allen gibt es im Ferrara-Universum in der Regel keinen Ausgang, außer durch Tod – und natürlich stirbt Deveraux nicht.

Der Skandal der Entscheidungsfreiheit

Auf subtile und unaufdringliche Weise verbindet “Welcome to New York” so das Private mit dem Politischen, das Individuelle mit dem Gesellschaftlichen und sagt wesentlich mehr über die Verbindung von persönlichen Obsessionen, Sex, Macht, Herrschaft, internationaler Finanz und Politik, als es zunächst den Anschein haben mag. Was er nicht sagt, ist, wie sich der Zuschauer zum Gezeigten zu verhalten hat oder gar zur DSK-Affäre. Wahrscheinlich ist es das, was ihn so anspruchsvoll macht – und letztendlich das wirklich „Skandalöse“ daran ist. Beobachten, ergründen, verstehen möchte der Film, nicht urteilen oder verurteilen. Diesbezüglich ist der Zuschauer zur völligen Freiheit verdammt. In diesem Sinne ist “Welcome to New York” ein typisches Ferrara-Werk, ein streitbares Stück Kinokunst, ein waschechter und herausfordernder Unwohlfühlfilm.

WELCOME TO NEW YORK (Blu-ray

7

Film

80/10

    Blu-ray

    60/10

      • - Regie: Abel Ferraras
      • - Label: EuroVideo
      • - Land/Jahr: USA 2014
      • - FSK & Laufzeit: ab 12, ca. 120 (DVD)/125 Min. (Blu-ray)
      • - Extras: Welcome to Cannes (OmU)

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